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#MeinBriefAnMich – Hebammen sind (auch) nicht hellsichtig

Als ich zum vergangenen Wochenende las, dass Jana vom Hebammenblog zu einer Blogparade aufruft, habe ich mich total gefreut. Denn sie greift ein wunderbares Thema auf, welches es heute ein wenig persönlich werden lässt.

Wolltest du deinem „alten Ich“ schonmal gerne etwas mitteilen? Ihm einen Brief schreiben? #MeinBriefAnMich

Mir war sofort klar, was ich mir da in die Vergangenheit senden möchte.

Es ist wohl ein absolutes Luxusproblem … und vielleicht werde ich mich in einem weiteren Brief in fernerer Zukunft für diese Gedanken schelten. Doch, wenn ich mich daran erinnere, ist in mir ein tiefes und großes „wirklich schade“ zu spüren.

An einem unglaublich verregneten Herbst-Samstag im Jahr 2013 war ich schon sehr lange damit beschäftigt mein Kind zur Welt zu bringen.

Große „aufs“ und „abs“ hatten sich über die vorangegangenen 24 Stunden verteilt.

Die erste lange Phase der Geburt zog sich über die gesamte Nacht – während wir noch zu Hause geblieben waren. Obwohl ich mich dort schon früh nicht mehr wohl fühlte, ermutigte mich die Hebamme meines Geburtsteams im Geburtshaus, noch etwas Schlaf und Kraft zu sammeln.

Leider war es ihr nicht möglich einen Hausbesuch abzustatten – dazu wohnten wir viel zu weit weg. Über 40 Minuten einfache Strecke lagen zwischen uns.

Dennoch hatte ich diesen Ort gewählt. Das hatte sich gut und richtig angefühlt.

Irgendwann in der Nacht war ich innerlich bockig geworden. Ich merkte, dass ich viel zu verkrampft war. Alles fühlte sich gerade für mich unstimmig an. Nach dem zweiten Telefonat mitten in der Nacht verkrümelte ich mich – längst herumtönend – im Wohnzimmer.

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Nein – wir hatten keinen gemeinsamen Flow in dieser Nacht. Mit „ihr“ wollte ich nicht mehr sprechen. Und eigentlich wollte ich überhaupt mit niemandem mehr sprechen. Pah. Bliebe ich eben zu Hause und bekäme mein Kind dort.

So war es mein Mann, der morgens dann ein Machtwort sprach. Er würde jetzt anrufen. Fertig.

Dann war es ein Name, der meinen Widerstand in mir brach. Eine der Hebammen im Geburtsteam war mir besonders ans Herz gewachsen. Sie hatte selbst mit meinen Kolleginnen in der Klinik Jahre zuvor zusammengearbeitet – diese erzählten oft von ihr. Das konnte ich verstehen. Sie berührte in unseren Vorsorgen etwas ganz tief in mir.

Sie sollte also die Ablöse zum Tagdienst sein. Sie würde mich erwarten, wenn wir jetzt losfahren würden.

Dennoch zog sich der gesamte Tag wie warmgemachter Gummi. Die gelegentlichen Untersuchungen zeigten, dass es nur minimal voran ging.

Irgendwann waren meine Wehen dann: WEG.

Sie fragte mich, warum das jetzt so wäre? Ich antwortete: „Ich muss Kraft sammeln.“ – und schlief 2 Stunden.

Ab dann ging es zügig voran. Krasse Sache! Zwischen Affirmationen in meinem Kopf, dem Gedanken an die vielen anderen Frauen auf der ganzen Welt, die gleichzeitig ihre Babys auf die Welt brachten … und dem tiefen Verständnis für alle Frauen, die sich -bewusst- für einen Kaiserschnitt entschieden, ging es voran.

Das Finale war dann endlich kurz und knackig – und ich konnte meinen Sohn durch mein Becken hinauskatapultieren.

Alles in allem eine runde Sache.

Dennoch lässt mich eines nicht los. Wenn ich Bilder oder Videos im Internet davon sehe, werde ich sogar ziemlich wehmütig. Auch jetzt gerade – während ich das schreibe.

Was war passiert!? Was musste ich lernen?

Erst einmal hatte ich vieles – für mich – richtig gemacht.

1. Klären: Was ist mir wichtig zur Geburt? – check.

Durch den Austausch mit Anderen und dem Studium verschiedener Literatur und Quellen, wusste ich recht gut, dass ich eine natürliche Geburt haben wollte. Mit Begleitern, die ich kenne. Die die Möglichkeit haben, wirklich für mich da zu sein während der Geburt.

Natürlich hatte ich auch den Fall einer Verlegung einkalkuliert – ja sogar eines Kaiserschnittes. Es ging nicht darum „nichts dem Zufall“ zu überlassen. Viel mehr war mir wichtig einen Status abgegeben zu haben zu den verschiedenen Möglichkeiten, die mich unter der Geburt erwarten könnten.

Immer wieder hatte ich das auch mit meinem Partner besprochen. Um auch sicherzugehen, dass er mögliche Herangehensweisen mit tragen und vertreten könnte.

2. Aufschreiben: In Form eines Geburtsplanes – check.

Alle meine Gedanken hatte ich im Anschluss aufgeschrieben und während der Schwangerschaft ergänzt, wenn mir noch etwas wichtig wurde.

Weil es mir doch wichtig war zu vielen Punkten Stellung zu beziehen, hatte ich meine Vorstellungen verschiedenen Phasen und Situationen zugeordnet.

Schwarz auf weiß war so alles festgehalten. Es konnte nicht verloren gehen.

3. Hinterlegen: In der Klinik der Wahl – check.

Einige Wochen vor der Geburt war – wie von unserer „Verlegungsklinik der Wahl“ gewünscht – ein Vorabgespräch, um meine Patientendaten bereits im System zu haben. So wäre die Aufnahme im Fall einer Verlegung deutlich entspannter und reibungsloser.

Mir war das sehr recht. Denn unter den Wehen noch groß kognitive Arbeit leisten zu müssen, halte ich auch rückblickend für kaum möglich.

4. Besprechen: Mit dem gewählten Geburtsteam – mööp.

Hier lag mein Casus Knackus.

Und so lautet mein Brief an mich:

 

zit

Liebe Tabea,

du machst dir schon so lange, so viele Gedanken. Du hast recherchiert, wie die Geburt für dich und dein Baby – für euch alle drei – ein gutes, wunderbares, stärkendes Ereignis werden kann.

Du weißt, was wichtig ist, um eine normale Geburt zu erleben.

Du weißt, dass du fähig bist, dein Baby zu gebären.

Woche um Woche sprichst du immer wieder mit dem Team deiner Hebammen, die für die Geburt auf dich warten. Tu dir einen Gefallen und geh einmal deinen Geburtsplan mit Ihnen durch. Das meiste bezieht sich auf die Situation in der Klinik – doch es bezieht sich auf deine Geburt.

Und: Deine Hebammen sind ebenso wenig wie die Ärzte, Hebammen und Schwestern in der Klinik hellsichtig!!!

Pass auf dich auf, lass los and go!

In Liebe, dein zukünftiges Ich.

 

Was war also passiert!?

Mein Wehmutstropfen liegt in der ersten Minute nach der Geburt. Und ich hatte dich ja schon gewarnt – es kann sein, dass du jetzt seufzt und denkst „mei, wenn sie keine anderen Probleme hat“.

Um bei dem raschen Voranschreiten der letzten Phase der Geburt meinen Damm vor Verletzungen zu schützen, hatte mich meine Hebamme gebeten eine Position in Seitenlage einzunehmen.

So sah ich nicht, dass mein Sohn in seiner intakten Fruchtblase geboren wurde. Sie wurde sofort geöffnet. Gern hätte ich ihn dort für einen Moment betrachtet. Gern hätte ich einige Sekunden gehabt, um ihn – vielleicht mit Hilfe – daraus zu befreien und selbst aufzunehmen.

Der Wunsch mein Baby selbst aufzunehmen, war bereits lange vorher in der Schwangerschaft gewachsen.

Er stand auch in meinen Gedanken zur Geburt.

Doch meine Hebammen wussten das nicht. Ich hatte es ihnen gegenüber nie erwähnt.

Fazit.

Eine bekannte, vertraute Begleitung unter der Geburt zu haben avanciert aktuell immer mehr zu einer luxuriösen Glückssituation in Deutschland.

Wenn du eine selbstbestimmte Geburt haben möchtest und nicht weißt, wer dich rund um die Geburt erwarten wird, ist ein Geburtsplan in jedem Fall sinnvoll.

  1. Überlege dir, was dir und euch wichtig ist zu deiner Geburt
  2. Fasse es in deinem Geburtsplan zusammen (und bespreche es natürlich auch mit deinem Partner)
  3. Hinterlege eine Kopie an deinem Geburtsort und ggf. in der Wahl-Klinik für eine Verlegung, falls du mit einer Geburt zu Hause oder im Geburtshaus planst.
  4. Bespreche den Geburtsplan mit deinem Geburtsteam oder versichere dich, dass er dort angekommen ist.

Und: wann immer du die Möglichkeit hast, suche ebenfalls das Gespräch darüber!

Auch, wenn dich eine dir inzwischen vertraute Hebamme begleitet.

Alles Liebe und bis bald,
~Tabea

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Tabea Laue | Kinderkrankenschwester & IBCLC-Stillberaterin

Ich helfe dir bei Stillproblemen und Fragen im Leben mit deinem Baby. Weinen, Verwöhnen, Bedürfnisse, Schlafen, Beikost und bis hin zum Abstillen. Oder auch zum Weiterstillen in einer Folgeschwangerschaft. Alles hat seinen Raum.
Im Blog findest du dazu viele Gedanken und Anregungen - individuelle Beratungen finden per Videochat & Hausbesuch statt.
Schön, dass du da bist.

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2 Kommentare

  1. Liebe Tabea,
    ich finde Du machst einen wirklich wichtigen Punkt, den Erstlingsmamas vielleicht schnell übersehen können. Andere Leute können einfach nicht wissen was einem selbst wichtig ist, auch wenn man selbst denkt, dass es selbstverständlich ist (zum Beispiel sein eigenes Baby selbst nach der Geburt aufzunehmen). Man muss wirklich viel vorher ansprechen und planen und vorallem sollte man sich Gedanken machen, WAS man eigentlich will. Danke für das Teilen Deiner Erfahrungen.
    Sei ganz lieb gegrüßt,
    Susanne

    • Tabea Laue | Kinderkrankenschwester sagt

      Liebe Susanne,

      ja – dieses Einstehen für sich selbst müssen wir ja oft erst lernen!

      Auch das Erforschen der eigenen Wünsche gehört mit zu diesem Weg.

      Danke für deinen Kommentar 😀
      ~Tabea

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